"Denn die Elemente hassen das Gebild von Menschenhand"

Auszüge aus "Prignitzer Volksbücher" ca.1920

Nächst dem Rhein ist die Elbe der bedeutendste deutsche Strom. Nur eine kurze Strecke klingen an ihren Ufern tschechische Laute, sonst ist sie echt deutsch. Wohl war sie Jahrhunderte lang die Grenze zwischen Deutschen und Wenden; aber längst ist auch das Gebiet rechts der Elbe deutsch geworden. Nur einmal noch im Laufe der Geschichte ist  sie eine deutsche Grenzflucht gewesen: zur Zeit des Königreiches Westfahlen 1807 - 1813, das unter der Herrschaft Jeromes, des Königs „Lustig“, nichts mehr als eine französische Provinz war. Das Jahr 1813 hat dieses Gebilde fremder Machthaber zerstört. Auch über die Prignitzer Elbufer sind die Frühlingsstürme von 1813 gebraust und der Sänger Theodor Körner hat mit den Lützowern die Wacht an der Elbe gehalten.

Von der gesamten Länge der Elbe, 1166 km, entfallen auf das Königreich Preußen 562 km, davon der siebente Teil, 80 km, auf den Kreis Westprignitz.  Früher floss die Elbe in ihrer natürlichen Gestalt dahin. In dem Flussbett, das heute durch regelmäßig gelegte Buhnen unveränderlich festgelegt ist, lagen damals viele hohe Sandfelder, die zum Teil mit Weidenbüschen bewachsen waren, und die sich jahrelang, durch das Wurzelwerk der Büsche befestigt, im Flussbett behaupteten. Kam aber Hochwasser oder schwerer Eisgang, so waren die Anschwemmungen, die man Bülten nannte, oftmals urplötzlich verschwunden und an derselben Stelle war wieder Fahrwasser für die Schifffahrt.

Seit etwa 60-70 Jahren wird von den beteiligten Staaten der Elbstrom für die Schifffahrt derart ausgebaut, dass er mehr einem Kanal, als einem natürlichen Strom gleicht. Als die ursprünglichen Strombauten sind die Deiche anzusehen. Während man die heutigen Bauten unmittelbar an den Ufern vornimmt, beschränkte man sich früher darauf, den Strom bei Hochwasser durch Deiche in bestimmten Grenzen zu halten. Die Anfänge der Deichbauten reichen zurück bis ins 12. Jahrhundert. Albrecht der Bär siedelte zahlreiche Niederländer in der Elbgegend an, um durch Deiche und Dämme die Ortschaften und Felder gegen die Gewalt des Flusses zu sichern.

Die durch Deichbrüche entstandenen Wasserlöcher nennt man Bracks oder Wehle. Hauptsächlich kommen die binnendeichs liegenden Bracks als von Deichbrüchen herrührend in Betracht. Durch die notwendige Verlegung des Deiches nach einem Bruche sind sie zuweilen auch außendeichs zu finden. 

Notzeiten in der Lenzer Wische

Die unterschiedlichen Schreibweisen Lenzerwische und Lenzer Wische ergeben sich folgendermaßen: Die Lenzer Wische (Wische = niederdeutsch für Wiese) ist ein nur dünn besiedeltes Feuchtgebiet im Nordwesten Brandenburgs. Sie umfasst den südlich der Löcknitz gelegenen Teil der Stadt Lenzen/Elbe und die zur Gemeinde Lenzerwische zusammengeschlossenen Dörfer Gaarz, Baarz, Besandten, Unbesandten, Kietz, Wootz und Mödlich zwischen der nord-westlichen Grenze Brandenburgs und der Stadt Lenzen/Elbe.

Die Geschichte der Gemeinde Lenzerwische ist wechselhaft: Das heutige Gemeindegebiet gehörte von 1816/18 bis 1952 zum brandenburgischen Landkreis Westprignitz, von 1952 bis 1990 zum Kreis Ludwigslust im Bezirk Schwerin und von 1990 bis 1992 zum Kreis Ludwigslust im Land Mecklenburg-Vorpommern. Am 1. August 1992 kamen die zu der Zeit eigenständigen Gemeinden Besandten und Wootz zum brandenburgischen Kreis Perleberg, der mit dem Kreisneugliederungsgesetz des Landes Brandenburg 1993 im Landkreis Prignitz aufging.

Die Gemeinde Lenzerwische entstand am 26. Oktober 2003 aus dem freiwilligen Zusammenschluss der bis dahin selbständigen Gemeinden Besandten und Wootz.

Geographische Lage der Lenzer Wische

Die Lenzer Wische mit einer Fläche von rund 41,94 km² liegt in der Klimazone 7a und 15 m ü. NN. Sie wird im Norden durch die Löcknitz, im Westen und Süden durch die Elbe, im Osten durch die Straße nach der Lenzer Elbfähre begrenzt; in ostwestlicher Richtung wird sie durch den sog. Achterdeich in zwei Teile unterteilt, den nördlichen Teil zwischen Löcknitz und Achterdeich, genannt Sommerpolder, den südlichen Teil zwischen Achter- und Elbedeich, genannt Winterpolder. Der Winterpolder mit rund 2.180 ha Fläche ist vollkommen hochwasserfrei eingedeicht, der Sommerpolder mit rund 21,70 km² ist gegen die Löcknitz durch den Sommerdeich geschützt, der jedoch nur gegen ein Hochwasser von +4,20 m am Pegel Lenzen kehrt.

File:Lenzer Wische.png

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Die Lenzerwische zählte um das Jahr 1800 etwa 1217 Einwohner.

Im Jahre 1890 betrug die Seelenzahl 1494.

 

Einwohnerzahlen um 1888 bis 1900

Gemeindeteil

männlich

weiblich

zusammen um

1888 - 1900

Mödlich

168

183

351

Groß Wootz

67

69

136

Klein Wootz

82

137

219

Rosensdorf

54

60

114

Kietz

128

135

263

Unbesandten

76

87

163

Besandten

62

59

121

Baarz

34

46

80

Gaarz

38

40

78

Lenzerwische gesamt

709

816

  1.525

 

Die nach der Volkszählung 

im Jahre 1925 ermittelte Einwohnerzahl beläuft sich auf 1.295

im Jahre 1960 rund                                  1.000 Einwohner

Am 31. Dezember 2011                               484 Einwohner  

Am 31. Dezember 2012                               483 Einwohner                                  

Am 31. Dezember 2013                               473 Einwohner  

Am 31. Dezember 2014                               473 Einwohner 

Am 31. Dezember 2015                               466 Einwohner 

Am 31. Dezember 2016                               449 Einwohner 

Am 31. Dezember 2017                               447 Einwohner 

Am 31. Dezember 2018                               458 Einwohner   

Am 31. Dezember 2019                               455 Einwohner    

Am 31. Dezember 2020                               453 Einwohner


     Leben mit der Elbe

Während des 30-jährigen Krieges (1618-1648) mordeten und brandschatzten die schwedischen Truppen im Lande.

Die ersten fortlaufenden Aufzeichnungen aus der Lenzerwische datieren wohl aus dem Jahre 1644. In diesem Jahr legte der derzeitige Pastor Lüthke in Kietz das erste Kirchenbuch an. Die Lenzerwische hatte schon jeher ihre Not mit dem  Wasser. Es ist also keine Erscheinung unserer Zeit, anders ist es jetzt, dass das Wasser schneller kommt als früher, weil die Rückstaugebiete der Kartane-Havel und der Wische geschlossen wurden. Ebenso die der oberen Elbe.

1651 brach bei einem der Güter derer von Wenkstern (man spricht heute noch von einem 1. Gutshof, einem 2. Gutshof und einem 3. Gutshof, alle drei Gutshöfe sind räumlich getrennt) der Deich, weil ein Kuhhirte vom Gut Kietz den Deich aus Bosheit durchstochen hatte.

Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg (1620-1688), Vater des sparsamen Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I., nimmt den niederländischen Admiral Arnold Gijsels van Lier (1593-1676) in seine Dienste.

1651 wird van Lier als Geheimer Rat das Amt Lenzen in Erbpacht zuerkannt, er wohnt in der Burg Lenzen. Van Lier sorgte, teilweise gegen heftigen Widerstand der Bevölkerung, für den Wiederaufbau der im 30-jährigen Krieg zerstörten Stadt Lenzen und die Wiederherstellung der Deiche. Obwohl er zu Lebzeiten nicht allzu beliebt war, wird er später als Wohltäter der Lenzerwische genannt. Sein Grab und das seiner Tochter befinden sich in der Mödlicher Kirche. 1888 wurde sein Sarg  bei einem großen Hochwasser aus dem Friedhof bei Mödlich freigespült. Tagelang trieb er auf dem Wasser, bevor die Gebeine in der Mödlicher Kirche erneut bestattet wurden.

1678 und 1688 wurden Kolonisten aus Holland hier angesiedelt, um der ungünstigen Wassernot Herr zu werden. Sie waren von ihrer Heimat her vertraut im Kampf mit dem Wasser und verstanden meisterhaft die Anlegung und Ausbesserung der Deiche.

Gijsel van Lier leitete die gesamte Deichsicherung und Urbarmachung der wüsten Ländereien in der Wische, zum Beispiel die sog. ‚Beetwirtschaft’, das Zusammenpflügen der Ackerstücke und den Anbau von Weizen, der so golden glänzte, dass man von der ‚goldenen’ Wische sprach.

Anm. hierzu:

Die in vielen historischen Quellen genannte und dadurch in den Köpfen der Wischebauern festsitzende These der Besiedlung Lenzens und der Lenzerwische mit holländischen Kolonisten durch Gijsels entbehrt jeder Grundlage. Gijsels schreibt dazu: „Was angehet, weitere niederländische Familien nach hier zu beschaffen, sind mir leider alle Mittel benommen, da ich ohnehin nicht wüßte, wo ich die Leute mit Wohnungen accomodieren soll, zumal nicht eine Stelle in der Stadt zu kaufen ist.“ Dem aufgeklärten Geist Gijsels ist es zu verdanken, dass Lenzen einen günstigen Start in eine neue Zeit des Aufschwungs schaffte.

Quelle: Märkische Allgemeine, Prignitz Kurier, 19.06.2004

Unter Friedrich Wilhelm I. und Friedrich dem Großen wurde unendlich viel für die Hebung der Landeskultur getan.

1709 heißt es, dass 15 Tage lang alle Bürger auf den Deichen waren, um diese zu retten.

1730 und 1731 wurde nach folgenschweren Deichbrüchen bei Dallmin und Mödlich von Friedrich Wilhelm I. eine „(D)Teich- und Buhnenkasse“ begründet.

Am 23. Juni 1740 wurde die Feldmark um Lenzen in weitem Umkreis vom Hagelschauer verwüstet. Die hühnereigroßen Hagelkörner sollen Gänse erschlagen haben und die Kühe bluteten.

1744 brach der Deich  trotz aller Mühen in Unbesandten am Achterdeich bei Blifferts-Kuhle.

1764 wurde das Pfarrhaus in Kietz, ein prächtiger Fachwerkbau, unter dem damaligen Pastor From auf einer natürlichen Erhebung errichtet. Heute erinnert nichts mehr an diesen Ort.

1769 wurde die Unterwische, sie hatte am meisten unter Wassernot zu leiden, wieder von schwerem Hochwasser heimgesucht. Wiesen, Weiden und Äcker verschwanden in den Wasserfluten. Nirgends war Weideland vorhanden. Das Vieh musste im Stall bleiben. Pferde und Rinder wurden nach fremden Ortschaften auf die Weide gebracht. Mit dem 29. Juni 1769 konnte erst die Beackerung in Angriff genommen werden. Auf dem Gute Kietz wurde die letzte Gerste erst am 21. Juli eingesät. Das Vieh wurde sehr billig abgegeben.

Im März 1771 ist das ganze Gebiet von Wustrow bis Gaarz eine riesige Wasserfläche. Die Leichen mit den Trauerzügen fuhren per Kahn nach Wittenberge und anderen höher gelegenen Orten, weil kein Land zur Bestattung hier vorhanden war. Mehr als die Hälfte der Kühe krepierte vor Hunger. „Lebensmittel konnten kaum für Geld beschafft werden. Hier muss jedermann den Bettelstab ergreifen und allenthalben umhergehen, sich des Hungers zu erwehren“, schrieb damals der Pfarrer der Lenzerwische ins Kirchenbuch.

1772 brachte einen überaus gelinden Winter. Pferde und Rinder grasten an einigen Stellen den ganzen Winter auf dem Felde.

1773 schien ein recht günstiges Jahr für die Landwirtschaft der Unterwische werden zu wollen. Die Feldfrüchte gediehen überall sehr gut. Seit einer ganzen Reihe von Jahren hatte man nirgends so herrliches Getreide gesehen. Die Hoffnung auf eine reiche Ernte sollte dem Landmann bald bitter getäuscht werden. Es kam ein unvorhergesehenes Ereignis:                                                                                                                         Im Sommer des Jahres 1773 stellte sich eine unglaublich große Anzahl von Mäusen ein, sie wurden zur Landplage. Überall erblickte man, man konnte hinsehen, wohin man wollte, die kleinen grauen Nager. Wenn man sonst die Mäuse nicht fürchtete, so wurden sie damals ein Schrecken für die gesamte Einwohnerschaft der Lenzerwische. Die Mäuse verzehrten alles: Korn und Gartenfrüchte, das Gras auf Weiden und Wiesen. Für den Winter hatte sich die Mäusezahl noch nicht verringert, sie verschafften sich jetzt Eingang in die menschlichen Wohnungen. Hier taten sie sich gütlich an den Wintervorräten der Menschen. Nichts war vor ihnen sicher. Die Leute waren nicht einmal imstande, das in den Rauch gehängte Fleisch vor den unheimlichen Nagern zu schützen. Der Mensch stand dem Zerstörungswerk der Mäuse ohnmächtig gegenüber. Es konnte da nur einer helfen. Der allmächtige Gott griff in höchster Not mit starker Hand ein. Durch Regen, Schnee und Drängwasser wurden die Felder wieder zum größten Teil unter Wasser gesetzt. Das Wasser vernichtete allerdings einen großen Teil der Wintersaat, aber auch die Mäuse kamen im nassen Element um und ersoffen. Im Frühjahr 1774 erblickte man kaum noch eine Maus. Gottes Regierung ist wunderbar.

1775 brach der Achterdeich in Unbesandten.

Die Jahre um 1785 waren sehr hart, besonders die Winter 1784 zu 1785. Die Elbe hatte dickes tragfähiges Eis. Bis zum 9. April 1785 konnte man zu Fuß und mit Pferd und Wagen über das Elbeeis von einem Ufer zum anderen gelangen. Der Eisaufbruch erfolgte etwa Mitte April. Das Wasser der Elbe, erst langsam, dann immer stärker fließend, wurde zu einem reißenden Strom. Eis und Wassermassen durchbrachen die Deiche an mehreren Stellen.

Am 25. April 1785 stürzte der Elbdeich in Unbesandten, „Willbrandscher Deich“, etwa  an Blüchers-Eck, ein. Er konnte aber durch Sandsäcke, Dung, Bretter und Faschinen und mit tatkräftiger Hilfe aller Einwohner gerettet werden.

In der Nacht vom 27. zum 28. April 1785 riss ein Teil des Achterdeichs südlich des Südwendungsdeichs in Baarz weg und setzte alles unter Wasser.

Am 30. April 1785 brach die Dammstelle hinter dem Gutshof in Kietz. Etwa dort, wo heute noch eine Kuhle hinter dem Kälberstall besteht.

Am 30. Mai 1785 erfolgte in Besandten ein Bruch im Elbdeich dort, wo später an der Deichkrone die Wohnhäuser Wolf-Eggert, Mertens und ein weiteres standen. Am Abend gegen 22.30 Uhr entstand der größte Bruch im Sechsstücken-Elbdeich, unterhalb des Pastorhaus-Kietz bis hin zum Triftweg. Eine furchtbare Not war wieder über die Lenzerwische hereingebrochen. Das Wasser richtete viel Schaden an Grund und Boden an, zerstörte aber auch manche Häuser. Die Ernte von Getreide-, Heu- und Hackfrüchten dauerte bis in den November hinein. Die Folge war eine Teuerung aller Waren.

Lebensmittelkosten stiegen bedeutend: 1 Pfund Butter kostete 7 Silbergroschen, im Vergleich zu heute ca. 6 Euro.

Um die Mitte Dezember 1792 wurde die untere Lenzerwische von einem schweren Sturm heimgesucht. Der 19. Dezember 1792 war ein solcher Tag. Der Sturm brachte Häuser zum Einsturz. Unter anderem wurde auch der Schafstall des Gutes umgeworfen.

Von weiteren Orkanen wird 1734, 1828, 1847 und 1894 berichtet, bei letzterem sollen 4.000 Baumstämme gefallen sein.

Im Frühjahr 1804 wurde die Wische wiederum von Hochwasser überflutet. Am 20. März 1804 musste die Leiche der Witwe Korth, geb. Schwarz aus Rosensdorf im Kahn zum Kirchhof gebracht werden. Die Leidtragenden folgten dem Sarge in 6 Kähnen!

Am 8. März 1805 brach der Elbdeich in Unbesandten und richtete arge Beschädigungen an 2 Bauernhöfen an, am 13. März in Besandten. Hier wurde der Hof des Jürgen Geister fortgerissen und weitere 5 Menschenleben vom Wasser genommen. An der Stelle dieses Deichbruchs befindet sich die heutige Brack (Badestelle). Das Sterberegister der Lenzerwische berichtet am 24. September 1805, dass Joachim Friedrich Geister durch einen Sturz vom Hausbalken gestorben sei, auf dem er seit dem Frühjahr (immerhin sechs Monate!) wegen des großen Hochwassers geschlafen hatte.

Am 6. Juli 1810 brach zur Zeit der Heuernte ein Großfeuer in Groß-Wootz aus. Die Besitzer Fehrmann, Roost, Gierke und Röwert mussten ihre Habe in Flammen aufgehen sehen. Bei diesem Großfeuer verbrannte ein Hütejunge (Name?).

Das Jahr 1820 war für die gesamte Wische in reiches Jahr. Reich an Korn, Obst, Gemüse und Heu. So ein Erntejahr hatte die Wische seit langem nicht gesehen.

Beim Hochwasser 1827 kam es zum Diebstahl von „Verteidigungsmaterial“, worauf der Deichinspektor Arndt anordnete, dass sofort scharf zu schießen sei.

Im Jahre 1828 wurde die aus katholischer Zeit stammende Kapelle in Groß-Wootz neu ausgebaut.

Das Jahr 1828 zu 1829 war wiederum ein rechtes Wasserjahr für unsere Gegend. Die Wiesen hinter dem Achterdeich blieben fast während des ganzen Sommers überschwemmt. Alles Gras und Heu musste aus dem Wasser gefischt werden. Vieles ging ganz verloren, manches Heu konnte erst zur Weihnachtszeit unter Dach und Fach gebracht werden.

Mit dem Juni 1830 setzte Regenwetter bis in den November ein, dann trat der Frost seine Herrschaft an, zeitweilig gingen starke Regenfälle nieder, die bis Mitte Februar 1830 anhielten. Kalte Winde aus Ost und Nordost, Kältegrade von -18 Grad waren nicht selten, der Schnee fiel oft bei -12 Grad. Die Folge war, dass die Elbe ein Eis von ungeahnter Stärke annahm, dessen sich alte Leute nicht erinnern konnten.

Am 4. April 1845 brach die Unbesandtener Schleuse am Achterdeich.

26. Februar 1847, das Dorf und die Feldmark Gaarz werden arg verwüstet, da sie des Deichschutzes entbehren. Gaarz lag außerhalb des Elb- und Achterdeiches.

Am 20. März 1855 konnte Mödlich vor einer Hochwasserkatastrophe gerettet werden. Viele Jahre war dies in Mödlich ein Feiertag, an dem schulfrei war und in Dankbarkeit an die Rettung des Dorfes ein „Wassergottesdienst“ gehalten wurde.

1862 wurden der Elbdeich und der Achterdeich verlängert bis zur Löcknitzmündung und gleichzeitig der sog. Sommerdeich errichtet, er schloss den „Sommerpolder“ mit ein.

Am 5. September 1884 wurde für die Lenzerwische die Postagentur in Kietz eröffnet. Bis dahin hatte ein Postbote aus Lenzen die Postbestellung von Mödlich bis Gaarz besorgt. Das war für den bestellenden Beamten ein äußerst schwerer Dienst, wenn man bedenkt, dass der Landweg von Lenzen bis Gaarz 18 km beträgt und aus Lehm und Sand notdürftig befestigt war. Dass die Postagentur für die Gemeindeteile Groß-Wootz, Klein-Wootz, Rosensdorf, Kietz, Unbesandten, Besandten, Baarz und Gaarz sowie dem Gut-Kietz entstanden ist, war dem Lehrer Jach in Groß-Wotz zu verdanken; er richtete den Antrag an die Oberpostdirektion in Potsdam. Es waren wohl immer die Pastoren oder die Lehrer, die für Bewegung im Fortkommen der Wische sorgten. Nichts war zu erfahren, wie und ob sich die Schulzen-Bürgermeister oder Amtleute hervortaten.

Im Jahre 1888 suchte schwere Wassernot die Wische heim. Der Winter mit viel Schnee und starker Kälte brachte die Wische bald in eine ernste Gefahr. Das Wasser staute gegen die Deiche, der Schneeschlamm behinderte das Abfließen, die Gefahr wurde von Tag zu Tag größer. Menschenkräfte reichten nicht mehr aus, um die Wassernot abzuwenden. Zu dieser Zeit betrug die Deichhöhe 18,36 m über Meereshöhe. (Im Jahr 2012 sind es 18,90 m) In den Tagen vom 20. März bis zum 22. März 1888 brachen die Deiche auf der kurzen Strecke von Wootz bis Gaarz an sieben Stellen. Darunter bei der Pfarre in Kietz (heute etwa Schönhoff) sowie beim Tischler Fehrmann in Besandten (Besandtener Brack). Das Haus wurde vollkommen weggerissen und versank in den Fluten. Ein weiterer Bruch beim Hofwirt Adolf Thiede sowie beim damaligen Schlagbaum zwischen Baarz und Gaarz, hinter der Baarzer Schulscheune im Achterdeich. Die übrigen Deichbrüche waren in der Wootzer Gemarkung, fünf Häuser wurden vom Strom fortgetrieben. Nur wenige Häuser waren vorhanden, in die nicht das Wasser eingedrungen war. Manche Häuser standen bis zum Dach im Wasser.

Das Wasser stand in der gesamten Elbmarschniederung. Zwischen Dömitz, Wootz, Lenzen, dem Geestrand bei Polz, bis an die Wanderdüne bei Klein-Schmölen hieß es Land unter. Ein riesiges Meer, wie wir es uns heute an dieser Stelle gar nicht vorstellen können.

Einen Augenzeugenbericht aus jeder Zeit hielt der Chronist Pastor Noack fest:

Die Flutwelle kam mit ein bis zwei Meter Höhe an und riss alles mit sich fort, was nicht niet- und nagelfest war. In ein bis zwei Stunden war alles geschehen.

Es heißt aber auch, dass die Flut nicht ohne Vorwarnung kam. Es wird erzählt, dass Gijsel van Lier kurz vor dem Hochwasser 2 Betrunkenen als Geist erschienen sei. Er habe sie gemahnt, den Deich besser zu pflegen.


Dazu lässt Hartmut Brun in seinem 2014 erschienenen Buch "In Dömitz darfst du lächeln" Hans Joachim Bötefür                  zu Wort kommen:

Das Wasser kommt                 

Gysels van Lier und die Deichwache

Zwei pelzvermummte Gestalten kämpfen sich durch das Schneetreiben den Elbdeich entlang. Der Sturm peitscht über den Strom. Ein Hundewetter! Seit drei Tagen steigt das Wasser unaufhörlich. Hochwasser! Aber nichts Außergewöhnliches. Die Schiffer kennen den Strom. So wächst das Wasser jedes Jahr.

Die beiden Gestalten stolpern durch den Schnee dem fahlen Licht einer Sturmlaterne zu. Beide tasten sich den schneeverwehten Weg deichabwärts dem Haus entgegen, das mit seiner runden Giebelseite dem Sturm trotzig die Stirn bietet. Unten kramen beide ihren kleinen, krummen Knösel aus dem Pelz, zünden hinter der schützenden Hauswand ihre Pfeifen an. Doch plötzlich stößt der Jüngere den schnauzbärtigen Alten an: "Hürst du nix, Wienbargs Vadder? Dor, wäs ens still! Dor, wedder dat Geklapper, dat is Gysels van Lier, de Diekhauptmann. Hei kann ok nich slapen bi dit Wäder! Wenn dat nix tau bedüden hett! Ik segg di, wat uns Grotvadder is, de seggt ümmer, wenn Gysels van Lier up den Diek späukt, denn giwwt dat 'n leeges Hochwader. Un recht hett hei. Wo sall ok all dat Wader hen?" Übersetzt: "Hörst du nichts, Vater Wienbarg? Da, sei mal still! Da, wieder das Geklapper, das ist Gysels van Lier, der Deichhauptmann. Er kann auch nicht schlafen bei diesem Wetter! Wenn das nichts zu bedeuten hat! Ich sag dir, unser Großvater der sagte immer, wenn Gysels van Lier auf dem Deich spukt, dann gibt es ein schlimmes Hochwasser. Und recht hat er. Wo soll auch all das Wasser hin?" 

Aber es ist nicht Gysels van Lier, der holländische Deichgraf, der dort auf dem Deich zu so später Stunde umhergeistert. Nein, es sind treue, brave Schiffer, die mit wachen Augen durch das Schneetreiben hindurch das steigende Wasser beobachten. Schlicht und einfach nennen sie sich die Deichwache. - So stapfen in dieser Nacht an beiden Seiten der Elbe die Deichwachen durch den Schneesturm von Dömitz aufwärts über Kietz bis Lenzen, von Dömitz abwärts über Rüterberg, Wehningen bis Neuhaus. So prüfen jenseits der Elbe abwärts in Brandleben, Langendorf, hinüber bis Hitzacker die Deichwachen das Steigen des Stromes.

Die Elbe mit ihrem weitüberfluteten Vorland bietet wirklich einen erschreckenden Anblick. Meterhoch schieben sich Eisschollen übereinander. Mit Schlick und Schneeschlamm angereichertes Elbwasser leckt den Deich hinan. Aber die Schiffer fürchten nichts - noch nicht! Ihre Deiche halten! "Kumm, mien Jung", mahnt der Schnauzbärtige, "dat mit Gysels van Lier is ja Tüünkram, un nu kumm, dat wie nah Huus kamen. Morgen früh ist wedder Dag. Bi Dag bekäken, süht ok de Elw anners ut. Uns' Diek, de höllt!" Übersetzt: "Komm, mein Jung, das mit Gysels van Lier ist dummes Zeug, komm nach Hause. Morgen früh ist wieder Tag. Bei Tag besehen sieht auch die Elbe anders aus. Unser Deich, der hält!"

Das Wasser steigt sechs Fuß in der Stunde

Es ist Montag, der 19. März 1888. Den ganzen Nachmittag stehen die drei Männer nun schon auf dem Brückenkopf der Eisenbahnbrücke, die die beiden Städte Dömitz und Dannenberg miteinander verbindet. Besorgt beobachten sie seit Stunden das Steigen des Wassers. Eigentlich ist in zwei Tagen Frühlingsanfang, auf dem Kalender stehts. Aber die Menscher hier an der Elbe spüren in der Natur nichts vom Frühling und Sonnenschein. Seit vielen Tagen schneit es ununterbrochen. Der Schnee liegt einen Meter hoch! Etwas Seltenes für diese Gegend. Überhaupt ein eigenartiger Winter! Seit Weihnachten 1887 hatte es stark gefroren. Das Eis der Elbe war stellenweise bis zu drei Meter dick. Anfang März begann es zu tauen. Ungeheure Wassermassen drängten aus den Gebirgen Mitteldeutschlands elbabwärts.

Das Wasser wuchs! Krachend brach das Eis. Schollen und Schnee verwandelten sich zu dickem Schlamm. Das Wasser der Elbe konnte nicht weiter, denn die Elbe war bei Geesthacht und Boizenburg verstopft.

Ein Mann in hohen Fischerstiefeln kommt auf die drei Männer der Deichwache zugerannt. Außer Atem ruft er: "Dat Wader stiggt söß Faut in de Stünn'. Einer mütt röwer nah de Stadt, noch bevör dat düster ward. Ich segg juch, dat giwwt 'ne leege Nacht. De Lüe mütten dat Veih rutkriegen, ehrer dat tau laat ist." Übersetzt: "Das Wasser steigt sechs Fuß in der Stunde. Jemand muss rüber in die Stadt, bevor es dunkel ist. Ich sage euch, das wird eine schlimme Nacht. Die Leute müssen das Vieh rausholen, bevor es zu spät ist."

Aber noch sind die drei Männer von der Deichwache ruhig. Ihre Deiche halten ja. Aber sechs Fuß Steigerung in der Stunde, das bedeutet ja?...

Das bedeutet, sollte das Wasser so weiter steigen, läuft es gegen Mitternacht über den Wall, und die Stadt steht unter Wasser.

"Ja, Willem, lop röwer un segg Bescheid. Un gah tauierst nah den' Amtshauptmann." Übersetzt: "Ja, Wilhelm, lauf rüber und sag Bescheid. Und geh zuerst zum Amtshauptmann." - Und das Wasser steigt weiter.

Der Elbdeich bricht in der Lenzener Wische

Es geht auf den Abend des 20. März 1888! Erschreckend erkennen die Männer der Deichwache in der Lenzener Wische: Das Wasser der Elbe steigt wieder. Was war geschehen? Die Brückendurchfahrt bei Dömitz hatte sich durch Schneeschlamm und Eisschollen bis auf den Grund verstopft. Unaufhörlich steigt das Wasser! Da! Der Deich bricht! Mit brausendem Tosen sucht sich das Wasser eine neue Bahn, reißt Häuser und Ställe mit. In wenigen Stunden ist das riesige Gebiet hinter den Sommerdeichen ein Meer geworden. Der Jagdpächter G., der noch sorglos auf Entenjagd gegangen ist, findet, durch die Wassermassen zur Rückkehr gezwungen, sein massives Wohnhaus nicht mehr, nur Wasser, soweit das Auge reicht. Eng zusammengedrängt hocken die armen Bewohner der kleinen Deichdörfer zwischen Vieh und Hausrat frierend auf höhergelegen Flecken im kalten Schnee.


Die ganze Wische bot ein Bild der Verwüstung, es war eine trübe Zeit.

Nachstehend ein Auszug aus Lenzens Historie, verfasst von Georg Grüneberg:

Das in der Erinnerung der hiesigen Menschen furchtbarste Hochwasser traf die Region im März 1888. Schon seit Februar kam es zu Eisverstopfungen der Elbe bei Lauenburg, als am 18. März plötzlich ein gewaltiges Hochwasser eintrat. Gleichzeitig begann ein starkes Schneetreiben, das mit wenigen Unterbrechungen vier Tage anhielt. Die ungeheuren Schneemassen hemmten den Lauf der Elbe noch mehr. Auch in Dömitz setzte sich das Treibeis fest. Mit elementarer Gewalt staute sofort das Wasser der Löcknitz zurück und setzte am 20. März Breetz, Seedorf und Lenzen unter Wasser. Die Eisenbahnbrücke an der Flut wurde weggerissen. Deichbrüche waren unabwendbar und noch am gleichen Tage brach der Deich zwischen Kietz und Baarz an vier Stellen. Zwei weitere folgten in den nächsten beiden Tagen. 

Gijsel van Lier’s Sarg  wurde bei diesem großen Hochwasser aus dem Friedhof bei Mödlich freigespült. Tagelang trieb er auf dem Wasser, bevor die Gebeine in der Mödlicher Kirche erneut bestattet wurden.

Die Chroniken berichten: „Soweit das Auge blickte - nichts als eine graue, schlackige, sturmgepeitschte Wassermasse, aus welcher nur vereinzelt noch etliche Bäume und Dachfirste hervorragten. Auch in Lenzen schwoll das Wasser immer höher, nur die Mitte der Stadt war noch wasserfrei“. In ihr drängte sich die ganze Bevölkerung zusammen. 

In dreitägiger Rettungsaktion, an der auch ein Gardepionierbataillon aus Berlin und Pioniere aus Magdeburg beteiligt waren, konnten 900 Menschen gerettet und in Sicherheit gebracht werden. Durch Sprengungsarbeiten am 25. März bei Lauenburg ging die Flut in sechs Tagen um zwei Meter zurück. 

200 Gebäude hatten in Lenzen unter Wasser gestanden, der Gesamtschaden bezifferte sich auf 94.353 Mark. Am 3. Mai besuchte die Kaiserin mit dem Dampfer die geschädigten Gebiete, und dabei auch Lenzen. Durch staatliche Beihilfen und Spenden konnten damals alle Schäden in voller Höhe ersetzt werden. 

Am 3. Juli 1892 fand der letzte Gottesdienst in der alten, 1703 erbauten, am 23. Juli 1879 und am 13. August 1888 durch Blitzschlag stark beschädigten, Johanniskirche in Kietz statt. Die alte Kirche wurde abgebrochen.

Am 9. September 1892 fand die feierliche Grundsteinlegung der neuen St.-Johanniskirche durch Pfarrer Todt in Kietz statt. Der Neubau der Kirche erforderte fast einen Zeitraum von 2 Jahren. Die Kirche wurde unter der Leitung des Baurates Niederstätter aus Perleberg vom Maurermeister Holzgreve aus Dömitz erbaut. Aus dem Vorgängerbau ist der barocke Altar (1706) mit derben Schnitzereien und wahrscheinlich aus gleicher Zeit auch die Kanzel übernommen worden. Kanzel, Altar und  Altarpodest wurden im Jahr 2015 restauriert.

Am Dienstag, dem 26. Juni 1894, wurde die neue Kirche durch den Generalsuperintendenten der Kurmark Dr. Dryander, feierlichst eingeweiht. Der Weihrede lagen die Worte „Jesus Christus, gestern und heute und derselbige in Ewigkeit“ zugrunde.

Zu DDR-Zeiten machte diese Kirche eine schwere Zeit durch. Sie wurde sogar als Speicher genutzt. Schließlich wurde sie wegen Einsturzgefahr teilweise gesperrt. Dem am 15. Januar 1999 gegründeten „Förderverein Kietzer Kirche e.V.“, insbesondere der damaligen 1. Vorsitzenden Frau Sigrid Tietz und Herrn Dr. Andreas Draeger in seiner Eigenschaft als Vorsitzender des Bau-Ausschusses der Kreissynode ist es zu verdanken, dass nach Jahren zähen Ringens um Gelder aus verschiedenen Töpfen sowie teils sehr großzügigen privaten Spenden und umfangreichen Eigenleistungen der Fördervereins-Mitglieder die St. Johannis-Kirche Kietz am 23. September 2012 wieder geweiht und ihrer Bestimmung übergeben werden konnte.

Am 1. Oktober 1892 wurde die neue Chaussee von Lenzen bis Kietz dem Verkehr übergeben. Im Jahre 1904 wurde auch die Verlängerung der Chaussee von Kietz bis Baarz fertig. Die nur 2 Kilometer lange Strecke von Baarz bis zur Fährstelle Gaarz wurde erst später, nachdem auch Mecklenburg eine Chaussee an die Fährstelle herangebaut hatte, ausgebaut. Nach Fertigstellung des letzten Teilstückes und nach Vollendung einer Brücke über die Löcknitzmündung ist damit eine bequeme Verbindung mit der mecklenburgischen Stadt Dömitz geschaffen worden.

Schwere Wasserjahre waren die Jahre 1895, 1897, 1898 und auch 1899. Acker, Wiesen und Weiden waren wieder überflutet, die Ernte wurde vernichtet.

1923 wurde die Lenzerwische elektrifiziert. Bis dahin lieferten 5 Windmühlen die Energie zum Korn mahlen.

Ab 1930 lag ein Entwurf zur Deichsanierung vor, der aber erst ab 1960 schrittweise umgesetzt wurde.

1940 brach der Qualmdeich an der heutigen Bushaltestelle in Besandten beim Haus Lemke und auch der Deich in Unbesandten beim Hof Jirjahn war gebrochen. Qualmwasser drückte und wieder hieß es „Land unter!“

1947 hieß es wieder Land unter in Dömitz, das ein verheerenden Hochwasser erlebte

1954 musste beim Sommerhochwasser die Milch per Floß abgefahren werden. Die Hochspannungsleitung war zusammengebrochen.

Ende der 1960er Jahre wurde das bis dahin vom Wasserstand zweier Flüsse abhängige Feuchtgebiet Lenzer Wische mit hohem Aufwand entwässert. Zur Steigerung der landwirtschaftlichen Erträge wurde die Lenzer Wische mit Entwässerungsgräben durchzogen. 1973 wurde die Löcknitz-Mündung um zwölf Kilometer elbabwärts, in die Nähe von Wehningen, verlegt. An der ehemaligen Löcknitz-Mündung, noch auf brandenburgischem Gebiet, in der unmittelbaren Nähe der Landesgrenze zu Mecklenburg-Vorpommern, wurde ein Schöpfwerk errichtet, welches den Wasserstand der Lenzer Wische regelt.

Ursachen für Hochwasser an der Elbe

Hochwasser werden einerseits durch natürliche Faktoren hervorgerufen. So ging der Jahrhundert-Elbe-Flut im Sommer 2002 ein extremes Tiefdruckgebiet voraus. In 48 Stunden fiel zum Teil das Drei- bis Vierfache der sonstigen Niederschlagsmengen im August. Andererseits sind auch die Hochwasser an der Elbe durch Eingriffe des Menschen erheblich verschärft worden. Durch Eindeichungen wurde die Elbe von annähernd 86 Prozent ihrer ursprünglichen Überschwemmungsgebiete abgeschnitten.

Umdenken nach der Flut?

Das Hochwasser 2002 schien ein Umdenken bei den Politikern zu bewirken. „Den Flüssen mehr Raum geben“ wurde zur Hauptparole. Im September 2002 wurde auf der nationalen Flusskonferenz ein „5-Punkte-Programm zum Hochwasserschutz“ verabschiedet. Es enthält Arbeitsschritte zur Verbesserung des Hochwasserschutzes, zum Beispiel durch den Verzicht auf neue Siedlungs- und Gewerbeflächen in Überschwemmungsgebieten und die Rück- und Neugewinnung natürlicher Überschwemmungsflächen.

Dichtwandtrasse

2012 wird eine 500 Meter lange Dichtwandtrasse an der Landesgrenze Mecklenburg-Vorpommern – Brandenburg im Deichbereich am Schöpfwerk Gaarz errichtet. Sie soll die Gefahr von Hochwasser im Gebiet der ehemaligen Löcknitzmündung in die Elbe bannen helfen. Das Bauwerk wurde in nur sechs Wochen Bauzeit fertiggestellt. „Welche Verbesserungen durch diese Maßnahme erreicht werden, erschließt sich, wenn wir uns vor Augen führen, welche Aufwendungen bei der Abwehr der vergangenen Hochwasserereignisse vom August 2002, April 2006 und Januar 2011 notwendig waren“, sagte der Umweltminister Mecklenburg-Vorpommerns. Dem vor etwa 40 Jahren errichteten Elbdeich „Straßendeich B 195“ habe in der Vergangenheit ein entscheidendes Element gefehlt: die Dichtung gegen Durch- und Unterströmung. Daher habe immer die Gefahr großflächiger Überschwemmungen im Bereich zwischen Dömitz und der Lenzer Wische bestanden. Nur mit enormem Aufwand konnte Schlimmeres verhindert werden. Zuletzt zeigte sich das im Januar 2011. Beim damaligen Elbehochwasser musste das Technische Hilfswerk über Tage mit Hilfe von Hochleistungspumpen das Gebiet zwischen Sommer- und Elbdeich entwässern, um die landwirtschaftlichen Flächen der Lenzer Wische zu schützen. 

Resultierend aus der Vergangenheit dieser Geschichte sollte bedacht werden, dass alles schon einmal da war und Unwetter oder Katastrophen sich nicht nur heute ereignen. Alles, was wir erleben, damals wie heute, ist die Fügung, auf Gott zu vertrauen, um daraus Kraft zu schöpfen.

Entstehungsgeschichte des Entwurfes zur Entwässerung der Lenzer Wische

Die inselartige Lage der gesamten Lenzer Wische zwischen zwei Flussläufen bedeutet für die Landwirtschaft eine große Gefahr. In niederschlagsreichen Jahren, bei denen auch hohe Elbwasserstände vorhanden sind, die ihrerseits wieder hohe Löcknitzwasserstände bedingen, leidet das gesamte Gebiet bei vollständiger Einstellung der Entwässerung teils unter starkem  Qualmwasserdrang, teils unter Überschwemmung. Diese Tatsache hat wiederholt die Bevölkerung in wasserreichen Zeiten veranlasst, sich an den Preußischen Staat mit der Bitte zu wenden, ihr Hilfe durch Schaffung einer ausreichenden Vorflut zu gewähren. Infolge dieser Anträge wurde schon 1891 vom Meliorationsbauinspektor Gerhard, hauptsächlich infolge der durch acht Deichbrüche in der Lenzerwische 1888 verursachten Hochwasserschäden, ein Plan für das „Einlassen von Winterhochwasser in die rechtsseitige Elbniederung zwischen Wittenberge und Dömitz“ ausgearbeitet. Die Ausführung des Entwurfes scheitete jedoch an der Uneinigkeit der Interessenten.

Erneute und schwerwiegende Schädigungen durch Hochwasser veranlassten die dortige Bevölkerung, besonders in den Jahren von 1900 bis 1913, immer wieder diese Anträge auf eine durchgreifende  Melioration zu wiederholen. So wurde im Jahre 1913 ein neuer Entwurf für die Entwässerung aufgestellt, der infolge des Krieges  1914-1918 aber ebenfalls nicht zur Ausführung gelangte.

Am 3. Januar 1923 stellten Vertreter der Unterwische beim Deichhauptmann Freiherrn von Wangenheim erneut die Forderung zur Errichtung eines Schöpfwerkes für den Sommerpolder. Laut Beschlussfassung vom 18. Februar 1928 fordert der Deichverband das Kulturbauamt Charlottenburg auf, einen endgültigen Entwurf aufzustellen und die hier vorliegende Denkschrift zu veröffentlichen.

Ein genereller Entwurf wurde am 31. Januar 1929 dem Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten zur Genehmigung vorgelegt.

Der Entwurf gliederte sich in 4 Bauabschnitte:

  1. Die Verlegung des alten Sielwendungsdeiches im Anschluss an den Achterdeich nach der Rhinowmündung zu,
  2. Entwässerung des Winterpolders,
  3. Entwässerung des Sommerpolders,
  4. Bewässerung des Sommerpolders.

Der 1. Bauabschnitt ist mittlerweile fertig gestellt. Seine Inangriffnahme war erforderlich durch die infolge des Ausbaues der Chaussee Lenzen – Dömitz bedingte Einbeziehung des Gebietes in den Winterpolder. Der Kreis Westprignitz als Träger des Chausseebaues sparte hierbei erhebliche Kosten, da es nicht mehr notwendig war, die Chaussee hochwasserfrei zu legen. Aus diesem Grunde soll sich der Kreis Westprignitz auch an den Kosten der übrigen Bauabschnitte im Rahmen der erzielten Ersparnisse beteiligen. Für die Bauabschnitte 2 und 3 ist vom Ministerium für Landwirtschaft, Domänen und Forsten nunmehr der endgültige baureife Entwurf genehmigt worden.

 

Quellennachweis:

  1. Prignitzer Heimatkalender aus dem Jahre 1930 von Lehrer Theiß in Baarz
  2. Chronik der Gemeinde Besandten von Petra Rose
  3. Märkische allg. Zeitung: Lenzens Historie, Autor: Georg Grüneberg, Lenzen, 2004
  4. BUND Flussbüro + Landesverband Niedersachsen
  5. Wikipedia
  6. "In Dömitz darfst du lächeln" von Hartmut Brun

 

Diese Kurzfassung einer privaten Chronik der großen Notzeiten der Lenzerwische erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Berichtigungen und Änderungen werden gerne angenommen.

Soviel zur Geschichte.

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Längst noch nicht Geschichte ist der Elberadweg

      Hochwasser April 2006    

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 Hochwasser Januar 2010    

 

Nachstehender Bericht erschien im Amtsblatt im Jahr 2010:

Hochwasserschutz in der Prignitz

Der im März 2010 angestiegene Elbpegel hatte glücklicherweise keine Auswirkungen auf die Sicherheit unserer Region und es traten auch keine nennenswerten Schäden auf. Da Hochwasser Naturereignisse sind, können sie aber jederzeit auftreten. Dieses bedingt, dass wir uns ständig mit Maßnahmen der vorbeugenden Hochwasserabwehr  beschäftigen müssen.

Die Koordinierungsstelle aller Maßnahmen für den Hochwasserschutz wird vom Landkreis Prignitz Sachbereich Brand- und Katastrophenschutz in Perleberg wahrgenommen. Für die Fällung sachgerechter Entscheidungen im Katastrophenfall stehen dem Landkreis viele Organisationen mit Fachkompetenz zur Verfügung, wie z.B. Landes- und Bundespolizei, THW, Bundeswehr, Landesumweltamt  u.v.m. Um eine hohe Einsatzbereitschaft dieses Fachgremiums zu erreichen, werden in regelmäßigen zeitlichen Abständen Katastrophenschutzübungen durchgeführt, wie am 04.02.2010 die Stabsrahmenübung „Elbe 2010“ im Beisein der Ministerin für Umweltschutz und Gesundheitswesen Frau Tack. 

Am 18.02.2010 fand in Perleberg die diesjährige Hochwasserschutzberatung mit Vertretern der betroffenen Kommunen statt. Folgende Tagesordnungspunkte wurden behandelt:

- Stand der Vorbereitung auf eine mögliche Frühjahrshochwasserlage
- Gewährleistung des Deichwachdienstes
- Fortgang Deichsanierung

Das Amt Lenzen–Elbtalaue hat unter Federführung von Herrn Paul Eschen vom Haupt-und Ordnungsamt einen Hochwasserabwehrstab sowie vier Deichwachlokale eingerichtet, die im Katastophenfall aktiviert werden. Im April findet im Amtsbereich eine Funkübung statt, um die Kommunikation untereinander zu gewährleisten. Ab der Alarmstufe III wird an den Hochwasserschutzanlagen ein ständiger Wachdienst eingerichtet, der die Deiche rund um die Uhr kontrolliert. Aufgabe der Deichwachen ist die gewissenhafte Beobachtung des zugewiesenen Deichabschnittes, damit auch der kleinste Schaden sofort erkannt und behoben werden kann. Die Funktion der Deichwachen wird von den ansässigen Bürgern auf freiwilliger ehrenamtlicher Basis wahrgenommen. Die aktiven Mitglieder der einzelnen Feuerwehren sind von dieser Tätigkeit freigestellt, um für andere notwendige Schutzmaßnahmen ständig zur Verfügung zu stehen. Der Aufruf zur Wahrnehmung des Deichwachdienstes wird rechtzeitig von der Gemeinde an die Bürger weitergeleitet. Da das Personal für den Deichwachdienst aus vielerlei Gründen zahlenmäßig doch sehr begrenzt zur Verfügung stehen wird, sind wir auf alle für diese Tätigkeit infrage kommenden Bürger angewiesen und hoffen, dass sich alle nach dem Aufruf melden und zur Verfügung stellen werden.

Alfred Pieschel

Hauptmann d.R. 

Pressesprecher des Kreis-Verbindungskommando-Prignitz

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 15. Februar 2011

Das Hochwasser wirkt immer noch nach. Anne und ich haben uns darüber geärgert, dass die Bereitschaft vieler Mitbürger, sich an der Deichsicherung zu beteiligen, äußerst gering ist. Für unser im März erscheinendes Amtsblatt habe ich folgenden Bericht geschrieben:  

 

 

Hochwasser Januar 2011    

Das Januarhochwasser haben wir in der Lenzer Wische ohne größere Schäden überstanden. Dafür sei allen Helfern Dank für ihren unermüdlichen Einsatz. Dank auch unserem Bürgermeister, der die Helfer in die Kita zu einem Frühstück eingeladen hatte, um so den ehrenamtlichen Einsatz nochmals besonders herauszustellen und zu würdigen. Das Hochwasser ist soweit abgeflossen, so dass momentan von ihm keine konkrete Gefahr mehr ausgeht, die Bürger gehen wieder ihrem normalen Alltagsgeschäft nach. Aber nach dem Hochwasser ist vor dem Hochwasser. Uns wird immer wieder von Experten beteuert, die Deiche seien sicher. Ein Deich ist so lange sicher, bis er bricht. Dass wir einer solchen Bedrohung angemessen gegenübertreten, bedarf es eines großen ehrenamtlichen Engagements der Bevölkerung. Bei der Suche nach Helfern für die Deichsicherung traten, ähnlich wie beim Hochwasser 2006, die gleichen Probleme auf: Es sind nicht alle Bürger bereit mitzuhelfen. Die Gründe, sich dieser ehrenamtlichen Bürgerpflicht zu entziehen, sind sehr vielfältig. Jeder besitzt hier doch Eigentum und müsste daher brennend daran interessiert sein, sein Hab und Gut zu schützen. Es ist natürlich einfacher und bequemer sich von „anderen“ diese Serviceleistung erbringen zu lassen. Was mich persönlich sehr betroffen macht, ist, dass wir in unserem einwöchigen 24-Stunden-Schichtdienst mit einigen Bürgern, die entweder sehr alt sind oder durch gesundheitliche Gebrechen beeinträchtigt sind, diesen Deichwachdienst ausüben mussten, ähnlich schon wie 2006. Für uns war es schon ein großes Problem, dass wir aufgrund des geringen Personalumfanges die verfügbaren Kräfte nicht zu sehr verschleißen. Ich möchte daher bitten, dass sich alle Bürger der Lenzerwische, damit schließe ich auch die Personen ein, die hier nicht ständig wohnen, in einem erneuten Katastrophenfall bei der Gemeinde selbstständig melden und sich für den Deichschutzdienst bereitstellen. Es kann doch nicht sein, dass einige wenige Bürger bei Auslösung des Hochwasseralarms andere Bürger bitten müssen, sich aktiv zu beteiligen. Zu überprüfen wäre auch, inwieweit die Angehörigen der Ortswehren sich aktiv als Deichläufer beteiligen, ich selbst bin auch Angehöriger der Feuerwehr. Ich möchte auch alle Spezialisten für den Deichbau, Sielwesen und Qualmwasser aufrufen, sich an die entsprechenden Gremien der Gemeinde oder des Kreises zu wenden und sich dort mit ihrem Wissen nutzbringend bereitzustellen. Gelebte Solidarität  und ehrenamtliches Engagement ist Grundvoraussetzung für eine funktionierende demokratische Gesellschaft.

     Alfred Pieschel 

     Deichwachlokal Besandten

 

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Höchststand durch Schneeschmelze am Oberlauf im Frühjahr 2012: Wasser bis an den Deichfuß bei uns 

 

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Auch er gehört zum Deich: 

Der Elberadweg

Hier ein Artikel aus unserer Tageszeitung 'Der Prignitzer' vom Freitag, dem 9. März 2012:

Zum achten Mal in Folge kürten die Fahrradurlauber den Elberadweg zum beliebtesten Radfernweg. Rund 90 Kilometer dieser Route führen durch die Prignitz. Auf Platz zwei und drei folgen der Main- und der Donauradweg. Im regionalen Ranking verdrängte Bayern den Vorjahresbesten Mecklenburg-Vorpommern auf Platz zwei. Auf den dritten Platz kam erstmals Brandenburg. Das geht aus der alljährlichen Radreiseanalyse des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs e. V. (ADFC) hervor, die gestern auf der Internationalen Tourismusbörse in Perlin (ITB) präsentiert wurd.

Auch in der Wertungskategorie "meistbefahrener Fernradweg" nimmt der Elberadweg die Spitzenposition ein, vor Rhein- und Mainradweg, ebenso beim für 2012 geplanten Radweg: Hier liegt der Elberadweg mit Abstand vor dem Donau- und dem Oder-Neiße-Radweg. Das Inland ist für die Mehrheit der deutschen Radurlauber nach wie vor die beliebtete Destination: Gut 84 Prozent fuhren 2011 auf deutschen Routen. Bei Urlaubern aus dem Ausland liegt laut Analyse des ADFC Radfahren mit 19 Prozent unter den sportlichen Aktivitäten an der Spitze. Außerhalb der Bundesrepublik radeln die Deutschen übrigens am liebsten in Österreich und Südtirol.

Veranstalter von Radreisen hatten in der Saison 2011 teils zweistellige Zuwachsraten. Für die Saison 2012 hofft man, das Niveau halten zu können. 

Zunehmender Beliebtheit erfreuen sich Sternfahrten und Rundtouren. Stark im Aufwind befindet sich überdies die Nutzung von E-Bikes. Auch in der Prignitz kann man seit Neuestem E-Bikes mieten. Die Freizeitpark Wittenberge GmbH hat auf dem Ölmühlgelände Elektroräder stationiert. Auch im Dömitzer Hafenhotel besteht die Möglichkeit E-Bikes zu mieten.   

Anmerkung von uns: Der Abschnitt von der Landesgrenze Mecklenburg-Vorpommern/Brandenburg (Gaarz) bis Wittenberge wurde im Frühsommer 2016 mit einem neuen Belag versehen und ist nun in einem sehr guten Zustand!              

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